Und täglich grüßt das Bibertier

Fritz Zahnt - Langjähriger Hüttenbesitzer an der Thaya

Es ist später Nachmittag, als ich mit meiner Fliegenrute in der Thaya stehe. Das Wasser gleitet kühl um meine Wathose, die Schatten der Bäume werden länger und ich erwarte das Übliche: Forellen, die im Gegenlicht stehen, tanzende Libellen, vielleicht den lautlosen Überflug eines Schwarzstorchs. Doch an diesem Tag hält der Fluss etwas völlig anderes für mich bereit.
Ich habe gerade meinen ersten Wurf gemacht, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme. Zwei ausgewachsene Biber gleiten lautlos, fast würdevoll, in rund zehn Metern Entfernung an mir vorbei. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Normalerweise zeigen sich diese scheuen Bewohner der Thaya nur in der Dämmerung und selbst dann kaum so nah. Doch heute scheint jede Regel außer Kraft gesetzt.
Etwas oberhalb von mir liegt ein großer, flacher Stein. Dieser Platz wird von den beiden Alttieren nun bezogen. Kurz darauf folgen zwei Jungtiere und plötzlich stehe ich mitten in einem Familienausflug. Was sich nun vor meinen Augen abspielt, ist ein stiller, berührender Moment, wie ich ihn in der Wildnis selten erlebt habe: liebevolle Begrüßungen, ein dichtes Aneinanderschmiegen, gegenseitige Fellpflege. Ein zärtliches Miteinander, das eher an Haustiere erinnert als an scheue Wildtiere. Ich bleibe reglos, fast ehrfürchtig, damit sie mich nicht bemerken, oder vielleicht bemerken sie mich und entscheiden einfach, mich zu dulden. Ich fische weiter, bemühe mich, die friedliche Stimmung nicht zu stören.
Als ich an diesem Abend auf der Veranda meiner Hütte sitze, bleibt in mir nicht nur die Erinnerung an einen guten "Angeltag". Es ist dieses seltene Gefühl, für einen Moment, Teil eines friedlichen, fast intimen Miteinanders gewesen zu sein - mit den wahren, wilden Bewohnern meines Flusses im Nationalpark Thayatal.
Am Tag darauf ist Abreise. Entlang der Thaya entdecke ich im Vorübergehen halb angenagte Stämme, Spuren der Winterarbeit des Bibers, wenn er Bäume fällt; um an frische Zweige zu gelangen. Im Sommer hingegen findet er reichlich saftige Gräser und lässt die Stämme ruhen.
10.01.2026

Nationalpark Thayatal Blog