Die Flechtenwelt des Nationalparks Thayatal-Podyjí

Flechtenforscher Dr. Franz Berger über die besondere Vielfalt dieser Organismen

Naturschutzgebiete, insbesondere Nationalparks, sind in von Menschen sehr lange Zeit ungenützten und sich selbst überlassenen Lebensräumen gelegen. Durch die Kontinuität der Lebensbedingungen sind sie Brennpunkte von Artenreichtum. Je länger eine Störung unterbleibt - wir denken an Jahrhunderte, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch seltene Arten einfinden. So auch im Nationalpark Thayatal, dessen Störungsarmut eine Folge der rigorosen Grenzziehung des Eisernen Vorhanges ist.

Die Naturausstattung im Nationalpark Thayatal endet nicht bei den Sympathieträgern Wildkatze, Fischotter, Uhu oder Schwarzstorch, sondern beherbergt eine meist übersehene Fülle seltener Pflanzen und Kleintiere. Einen gewichtigen Anteil stellen auch die Nicht-Blütenpflanzen, also Arten die sich durch Sporen fortpflanzen, z. B. Moose, Farne, Algen, Schachtelhalme und vor allem Pilze. Eine besonders interessante Gruppe, die unter den Pilzen eine biologische Sonderstellung einnimmt, sind die Flechten.

Deren biologische Fähigkeit, als Pilze eine sich gegenseitig begünstigende Symbiose mit Algen einzugehen, ist uralt und hat sich in der Evolution bei der Eroberung besonders extremer Lebensräume bewährt.

Alle diese artenreichen Organismen wurden so gut wie vollständig aus den derzeit IT-lastigen Lehrplänen der Schulen verbannt. Damit wurde die Wissensweitergabe um diese sowohl ästhetisch wie physiologisch so interessanten Lebensformen hochoffiziell zu Grabe getragen. Immer weniger werden dadurch leider auch die Experten, die sich damit auskennen, zumindest im deutschsprachigen Raum.

Während auf der tschechischen Seite bis zum Jahr 2000 bereits über 500 Arten nachgewiesen waren, hinkte die Erforschung im österreichischen Anteil des Nationalparks hinterher. Die Artenzahl überholte nach einer gezielten Nachsuche durch den Verfasser bis 2010 mit über 650 Arten, das entspricht etwa einem Viertel des gesamtösterreichischen Artenbestandes, die der tschechischen Seite. Das ist die mit Abstand höchste Zahl, die bisher in einem umschriebenen Gebiet in Österreich nördlich der Donau gefunden wurde und nach dem Wildnisgebiet Dürrenstein die Zweithöchste in Niederösterreich! Entscheidender ist aber die hohe Zahl von ausgesprochen seltenen Arten. Diese Zahlen kontrastieren augenfällig mit den Flechtenwüsten der unmittelbar anschließenden Agrarlandschaft, wo auf 100 km² mit Mühe um die 50 Arten zu finden sind. Die Inventarisierung wurde 2022 wieder aufgenommen, die Zwischenergebnisse lassen weitere substantielle Zuwächse erwarten.

Warum hat der Nationalpark Thayatal-Podyjí eine so extrem reiche Artenausstattung? Das stark mäandrierende, so romantische, eingetiefte, bewaldete Flusstal bietet eine große Vielfalt von geomorphologisch verschiedensten Kleinlebensräumen, man denke an Blockhalden, Felstürme, klammartige Flussabschnitte, Gräben, Eislöcher, sonnendurchglühte Felssteppen, Niederwälder, Trockenrasen usw. Sie alle zeigen jeweils eine andere Artenzusammensetzung, wobei den Flechten als ständig sichtbaren, ortsständigen Organismen eine besonders aussagekräftige Zeigerfunktion über die jeweiligen Standortbedingungen zukommt. Diese sind wiederum für alle andere dort vorkommende Lebewesen von Belang.

Die mikroklimatische Vielfalt wird verstärkt durch eine bunte geologische Vielfalt, sichtbar an den innerhalb weniger Zentimeter wechselnden Flechtengesellschaften, die den Gesteinschemismus exakt nachzeichnen. Dazu führt das kleinräumige Nebeneinander von Orten mit unterschiedlichem Feuchtigkeitsangebot zu vielen mikroklimatisch differenzierten Nischen, was sich wiederum im Artenspektrum niederschlägt.

Die Klimaerwärmung und die sich reduzierenden Niederschläge, Überdüngung der Atmosphäre, Chemieeinsatz in der Agrarindustrie, Bodenversiegelung, Ausräumung von Kleinstrukturen aus der Agrarlandschaft haben zu einem dramatischen Schwund an Kleinlebensräumen und damit auch von vielen Flechtenarten geführt, wie uns der niederösterreichische Flechtenatlas eindrücklich vor Augen führt. Große Augen machen wir Forschende beim Anblick von im 19. Jh. herbarisierten Flechtenbelegen, sowohl was ihre prächtige Entwicklung als auch die inzwischen verschwundenen Standorte betrifft.

Schon ein einmaliger Umbruch des Lebensraumes, z.B. ein Kahlschlag, bringt viele Organismen zum Verschwinden. Die in einem Nationalpark gegebene Stabilität der Lebensräume ist Garant für den Erhalt seiner Vielfalt.


Bericht über die Pilotstudie 2022
10.02.2023

Nationalpark Thayatal Blog