"Spießiger" Wintergast

Nationalpark Thayatal im Frühlingskleid, Umlaufberg, Flussmäander, Headerbild für Aktuelle Nachrichten.
Raubwürger bertreiben Vorratshaltung.  Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Marek Szczepanek
Wer dieser Tage eine Entdeckungstour durch den Nationalpark startet und vor allem die Hecken und Sträucher rings ums Nationalparkzentrum genauer in Augenschein nimmt, der könnte leicht auf ihn stoßen, den Raubwürger (Lanius excubitor). Der etwa amselgroße Singvogel steht nicht nur in Österreich, sondern in ganz Mitteleuropa hoch oben auf der Liste der schutzbedürftigen Arten.
Die Hauptverbreitung des Nördlichen Raubwürgers - wie er korrekterweise heißt - liegt allerdings ein gutes Stück weiter nördlich (nomen est omen…), nämlich im Taigagürtel und der Übergangszone von Taiga zu Tundra. D. h. Nordeuropa, große Teile Russlands und Nordamerikas sind seine Heimat. Den Winter verbringen die "Nordländer" weiter südlich, u. a. in Österreich. Gut zu beobachten sind sie bei uns etwa im Dezember und Jänner, wenn sie in offenen Landschaften oder an Waldrändern, wo es genügend Wiesen, Feldgehölze, Hecken und Sträucher gibt, auf Jagd gehen.
Auf dem Speiseplan steht in erster Linie Fleisch. Bis zu 90 Prozent ihrer Nahrung bilden Wühl-, Spitzmäuse und Echte Mäuse. Daneben haben sie es auch auf andere kleine Vögel abgesehen. 30 bis 40 Gramm Nahrung - das sind etwa zwei mittelgroße Mäuse oder ein kleiner Singvogel - müssen es aber in jedem Fall pro Wintertag sein, damit die Raubwürger ihren Energiebedarf decken können. Damit sie immer etwas in petto haben, sorgen Raubwürger übrigens vor. Sie spießen ihre Beute häufig auf Dornen von Sträuchern auf oder klemmen sie in Astgabeln ein.



Während sich überwinternde Raubwürger gar nicht einmal so selten in Österreich blicken lassen, steht es um die ganzjährig bei uns heimischen Vertreter dieser Art bedeutend schlechter. In der Tat überwintern die "Spießer" nicht nur bei uns, sondern brüten auch. Allerdings liegt das österreichische Vorkommen der Art am äußersten Südrand des europäischen Brutgebiets, sprich auf den Hochflächen des nördlichen Waldviertels in Niederösterreich. Nur dort brüten ab etwa März ein paar wenige Raubwürger-Pärchen.
Das war allerdings nicht immer so. Aus allen Bundesländern - mit Ausnahme von Wien und dem Burgenland - gibt es (vergangene) Brutnachweise. Bis in die frühen 1980er Jahre brüteten Raubwürger insbesondere im nördlichen Alpenvorland, etwa in Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich.
Dass die brütenden Raubwürger weniger wurden, hängt vermutlich mit der intensivierten Landwirtschaft und zu geringem Strukturreichtum zusammen. Wo Hecken, Wiesen und Obstbäume fehlen, da mangelt es auch an Brutplätzen und ausreichender Nahrung. Denn speziell zur Brutzeit gilt es nicht nur den eigenen Magen zu füllen, sondern auch jenen des Nachwuchses. Als Wintergast mit "Single-Haushalt" sozusagen lässt es sich offenbar leichter bei uns leben.

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