Nationalpark Thayatal

Nationalparkhaus
2082 Hardegg
Österreich

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Nationalpark Thayatal
 
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20 Jahre Nationalpark Thayatal


Nationalpark Thayatal | Aktuelles


Portrait von Christian Übl
Im Gespräch mit "Umwelt & Energie" gibt Nationalparkdirektor Christian Übl einen persönlichen Rückblick auf 20 Jahre Nationalparkgeschichte.

Er ist der kleinste und einzige grenzüberschreitende österreichische Nationalpark und Hardegg, als einzige Ortschaft im Nationalpark, die kleinste Stadt Österreichs. Kaum zu glauben, dass fast die Hälfte aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten hier zu finden ist.


Christian Übl, seit Oktober 2017 Direktor des Nationalparks Thayatal, kennt dieses Naturjuwel bestens, ist er doch bereits seit der Bürogründung im Jahr 1999 hier tätig. Im Gespräch mit UMWELT & energie ließ der Biologie aus Retz die letzten 20 Jahre Revue passieren, wagte aber auch einen Blick in die Zukunft.

UMWELT & energie: Herr Direktor, worin besteht der Reiz des Nationalparks Thayatal?
ÜBL:
Fährt man über die Landstraße zum Nationalparkhaus, so ist von dem Naturparadies, das sich hinter den Feldern und dem Waldrand erstreckt, zunächst noch nichts zu erahnen. Begibt man sich jedoch auf einen der Wege hinein in den Wald zu einem der Aussichtspunkte, so taucht man in eine faszinierende Naturwelt ein. Die Thaya hat sich hier 150 m in die Hochebene des Waldviertels eingetieft und eine eindrucksvolle Tallandschaft mit Flussschleifen, Umlaufbergen, steilen Felsen und sanften bewaldeten Hängen geschaffen, durch das sich das dunkle Band der Thaya zieht.

U & e: Der Nationalpark ist mittlerweile in der Region verankert. Wie hat sich dieser Prozess seit der Gründung gestaltet?
ÜBL:
Ein großer Startvorteil war sicherlich, dass die Initiative für den Nationalpark aus der Region kam. Die Gemeinde Hardegg hat sich gemeinsam mit der Bürgerinitiative zur Erhaltung des Thayatals jahrelang für die Errichtung des Nationalparks eingesetzt. Bei der Gründung des Nationalparks im Jahr 2000 unter Direktor Robert Brunner gab es eine große Zustimmung zum Nationalpark, wobei die konkrete Umsetzung der Nationalparkidee dann doch auch einige Konflikte mit sich brachte z. B. die Reduktion die Fischerei, das geänderte Wildtiermanagement oder das Wegegebot. Mein Vorgänger Ludwig Schleritzko brachte 2014 als junger Direktor neuen Schwung in die Beziehungen zur Region. Die Leader Region Waldviertler Wohlviertel nahm den Nationalpark Thayatal als wichtigen Entwicklungsperspektive in die Leader-Region auf. Wir können heute auf eine gute Beziehung zur Stadtgemeinde Hardegg und zur Region aufbauen, es gibt hier eine lebendige Zusammenarbeit, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist.

U & e: Mit den Jahren ist auch die Infrastruktur gewachsen: das Nationalparkhaus oberhalb von Hardegg, das Wildkatzengehege und zuletzt ein Ökopädagogisches Zentrum. Welche Rolle spielt der Nationalpark für die Regionalentwicklung?
ÜBL:
Mit seinem Angebot für Besucher und Besucherinnen setzt der Nationalpark Thayatal vor allem im Bereich des Tourismus regionalwirtschaftliche Impulse. Im Jahr 2019 betreuten wir 32.000 Besucherinnen und Besucher bei der Infostelle im Nationalparkhaus oder bei unseren Führungen. Die Gäste, die unbetreut durch den Nationalpark wandern, sind da gar nicht miteinberechnet. Im neu errichteten Wildkatzen Camp konnten wir im ersten vollen Betriebsjahr 2019 bereits 3020 Nächtigungen verbuchen. Aufgrund der der Corona Krise sind die Schulklassen heuer leider weitgehend ausgeblieben. Als TOP-Ausflugsziel mit Schwerpunkt Naturerlebnis konnten wir uns allerdings über einen bisher nie dagewesenen Besucheransturm freuen. Bis zu einem Drittel der Wandernden kommen aus Tschechien zu uns. Waldviertel- und Weinvierteltourismus nehmen unsere Naturerlebnisse gerne in ihre Angebotskataloge auf.
Auch die Zahl der NationalparkmitarbeiterInnen ist in den letzten 20 Jahren kräftig angewachsen. 1999 haben wir zu viert in einem kleinen Büro in Hardegg begonnen, heute sind es 10 (Teilzeit-)Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen (7 Vollzeitäquivalente) in der Verwaltung und 35 Ranger, welche als Freie Dienstnehmer die Besucherangebote umsetzen. Die Wildkatze und andere Naturthemen des Nationalparks erhalten große mediale Aufmerksamkeit, oftmals wird in den Berichten die Region mit einbezogen. Heuer gab es zum Beispiel drei größere Fernsehproduktionen über den Nationalpark Thayatal, dieser Werbewert wäre durch normale Tourismusbudgets nicht finanzierbar.

U & e: Auf tschechischer Seite gibt es den Partner-Nationalpark Podyjí. In welchen Bereichen arbeiten Sie zusammen?
ÜBL:
Die Zusammenarbeit mit dem Národní park Podyjí ist mir ein besonderes Anliegen. Bis 1989 lebten wir an einer toten Grenze. Die bewaffneten Grenzsoldaten auf der anderen Seite der Thaya flößten uns immer großen Respekt ein und sorgten für ein ungutes Gefühl. Heute schützen wir gemeinsam 44 km Flusslänge des Thayatals. Unsere Ranger treffen sich zu gemeinsamen Kontrollgängen, Besucher aus beiden Ländern nehmen an grenzüberschreitenden Veranstaltungen teil. Zahlreiche wissenschaftliche Erhebungen wie zum Beispiel die Erstellung einer Waldvegetationskarte oder die Kartierung der Gefäßpflanzen beider Länder, werden gemeinsam umgesetzt. Auch bei konkreten Naturschutzmaßnahmen, wie der Anlage des ersten grenzüberschreitenden künstlichen Laichplatzes an der Thaya, arbeiten wir zusammen. Durch die Errichtung zweier Hängebrücken im Jahr 2021 werden unter Einbeziehung der bestehenden Thayabrücke zwei neue Rundwanderwege entstehen, welche die beiden Schutzgebiete noch weiter verbinden.

U & e: Der Nationalpark besteht zu 90 Prozent aus Wald. Es gilt aber auch Trockenrasen, Magerwiesen und eine einzigartige Flusslandschaft zu erhalten. Welche diesbezüglichen Maßnahmen werden gesetzt?
ÜBL:
Im Nationalpark gibt es zwei große Schutzstrategien: Die Natur darf sich frei entwickeln. Die wilde Naturlandschaft, die daraus entsteht, ist Lebensraum für zahlreiche selten gewordene Arten. Mehr als 90% der 1360 ha Nationalparkfläche bleiben nahezu unberührt. Gleichzeitig tragen aber auch extensive Pflegemaßnahmen im Bereich der Wiesen und Trockenrasen zum Erhalt seltener Arten bei. 60 Hektar Wiesen und Trockenrasen im Thayatal beherbergen mehr als 600 Pflanzenarten, die wir erhalten und fördern wollen.

U & e: Wie hat sich das Naturraummanagement auf die Artenvielfalt ausgewirkt?
ÜBL:
Wir führen alle zehn Jahre Monitoringerhebungen durch. Die aktuellen Ergebnisse haben gezeigt, dass die biologische Vielfalt im Nationalpark gut gesichert ist. Vor allem die Pflege der Trockenrasen trägt gute Früchte, hier kooperieren wir mit dem Arbeitskreis Wachau und organisieren gemeinsam internationale Freiwilligen-Einsätze. Unsere Forschung trägt dazu bei, dass wir laufend neue Arten entdecken, z. B. das in Österreich als ausgestorben geglaubte Spitzmützenmoos wurde 2020 auf den Trockenrasen im Thayatal wiederentdeckt.

U & e: Welchen Beitrag können Nationalparks leisten, um dem Verlust an Lebensräumen und Arten entgegenzuwirken?
ÜBL:
In der Jungsteinzeit, am Beginn der Neolithischen Revolution, gab es in Europa nahezu ausschließlich natürliche Lebensräume. Der Mensch hat diese Lebensräume umgewandelt und zu Kulturlandschaften gemacht. Das finde ich in Ordnung und ich möchte keinesfalls eine Rückkehr zur Wildnis propagieren. Allerdings brauchen wir auch Gebiete, in denen sich die Natur ungestört entwickeln kann und ihre biologische Funktionalität erhalten bleibt. Die Nationalparks sichern auf ca. 2,5 % der Fläche Österreichs diese natürlichen Lebensräume. Dies ist ihr großer Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.


U & e: Die Wildkatzen sind das Aushängeschild für den Nationalpark Thayatal. Sie waren ja wesentlich am Nachweis des Vorkommens hier beteiligt?
ÜBL:
2007 haben wir die ersten Bestätigungen über das Vorkommen der Wildkatze im Thayatal erhalten. Weitere Nachweise folgten. Mit der Errichtung der größten Wildkatzenanlage Österreichs mit den beiden Zookatzen Frieda und Carlo ist die Wildkatze immer mehr zum Wappentier unseres Nationalparks geworden. Neben Wildkatzen-Nachtwanderungen haben wir einen Wildkatzen-Wanderweg als Themenweg gestaltet. Im Wildkatzen Camp bieten wir Kindern Naturerfahrungen - frei und wild wie eine Wildkatze!

U & e: Haben Sie einen persönlichen Lieblingsplatz im Nationalpark?
ÜBL:
Ja, der kleine "Thayastrand" beim Einsiedlerfelsen war schon als Kind ein beliebtes Ziel unserer Wanderungen. Außerdem schätze ich die ruhigen Momente auf den Aussichtspunkten, wo ich mich mit dieser schönen Tallandschaft verbunden fühle.

U & e: Wo sehen Sie den Nationalpark in 20 Jahren?
ÜBL:
Ich denke, dass sich in den nächsten zwanzig Jahren viel ändern wird: Der Nationalpark wird deutlich wilder und unzugänglicher, vielfältige Natur, Totholz, Pilze, Moose und Flechten werden sich prächtig entwickeln. Einige Tierarten sollten bis dahin zurückkehren und viele Wildtiere haben sich an die Besucher gewöhnt und sind dadurch leichter erlebbar. Die beiden Nationalparks werden als ein gemeinsamer Naturraum in Erscheinung treten, die Grenze in der Flussmitte wird zumindest hier im Thayatal in den Hintergrund treten.


Dieses Interview für UMWELT & energie führte DI Günther Gamper, Amt der NÖ Landesregierung, Abeilung Naturschutz
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